Zu kritisch zu Dir selbst?

Wie man dem inneren Kritiker Paroli bietet

Diese Zeilen wenden sich an all die kreativen, starken Menschen da draußen, die damit beschäftigt sind, sich durch Selbstkritik klein zu halten. Diese Eigenschaft braucht niemand: sie ist belastend und hält Dich von Deinem Potential ab. Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung darf ohne ständige Kritik im eigenen Kopf auskommen.


Als aller, aller erster Schritt: Lass das negative Kopfkino sein!

Leichter gesagt als getan? Dazu möchte ich Dir gerne einen Schwank aus meinem Leben erzählen. Vielleicht ist es gut, nicht zu warten, bis einem andere diese Eigenschaft an den Kopf knallen.

Mein persönlicher Abschied von zu viel Selbstkritik

Vor ca. 20 Jahren stapfte ich als Studentin zu einem Rhetorikkurs. Jurastudenten sind oft sehr karriereorientiert und einer der Ansagen im Studium war, dass man als Jurist nicht nur Schriftsätze abfassen, sondern auch überzeugend reden können sollte. Gegen Ende des Seminars stürmte ein Teilnehmer auf mich zu, mit grünem Irokesenschnitt und Ring irgendwo am Kopf (habe vergessen, wo genau), schwarze Klamotten dazu (jetzt hat vermutlich jeder ein Bild vor sich. Nebenbei bemerkt, er sah schnuckelig aus!). Der Gute meinte unverblümt und ohne Vorwarnung zu mir: Wenn ich Dir mal ne Rückmeldung geben darf, Du könntest es echt mal lassen, ständig an Dir herum zu kritisieren und auf Dich einzuschlagen. Das ist voll anstrengend.

Schluck!?! Äh, ja... Meine Antwort fiel in etwa so aus: ja, das täte mir natürlich total leid, (räusper) eigentlich wollte ich niemandem auf die Nerven gehen, ich stehe halt oft Leuten im Weg... Seine Antwort: Siehst Du, das meine ich. Ist voll ätzend! Außerdem gibt es da draußen genug Leute, die das für Dich erledigen, Dich klein machen. (Nebenbei bemerkt, den Abend haben wir knutschend verbracht. War ich stolz, dass ein ziemlich durchtrainierter, total cooler Politikstudent auf einer Party mit mir "langweiliger" Jurastudentin herumknutscht. Kicher, ok, dieses Kopfkino stellen wir lieber wieder ab, räusper.) 

Mit dem Wort "langweilig" wären wir zurück beim Thema: sich selbst zu stark kritisieren, sich selbst damit klein halten. Mein damaliger Weg war - nachdem ich damals keine Ahnung von Psychologe oder ähnliches hatte - mir jedes Mal auf die Zunge zu beißen und mir selbst Stopp! zu befehlen. Noch so eine Ansage in der Öffentlichkeit wollte ich nicht einfangen. Männer neigen übrigens viel seltener zu öffentlicher Selbstkritik (gibt es auch, ist erfreulicherweise nicht der Durchschnitt. :-))

Wenn ich die Selbstkritik ein ums andere höre

Ich kann den Befund des niedlichen Punks von damals bestätigen. Das Verhalten bringt weder Punkte auf dem großen Karma-Konto, noch schöpft es Sympathie bei der Umgebung, ganz im Gegenteil: man wirkt unauthentisch. Das Alter scheint keine Rolle zu spielen. Es gibt Mädchen im Alter von 15 und gestandene Frauen mit 50, die dieses Verhalten pflegen. Ich möchte gar nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer fürs innerliche Herumkritisieren ist. Zerstörerisch für das Selbstwertgefühl wirkt beides, innere wie öffentliche Selbstkritik. Manchmal erwische ich mich noch vereinzelt dabei. Mein Lieblingsmann gibt mir alle paar Monate die Rückmeldung: Nun mach Dich nicht selbst klein! So jemanden zu haben ist hilfreich. Schön natürlich, wenn man es nicht ganz so direkt über den Kopf geschüttet bekommt wie ich damals.

Mach Dich auf den Weg zu Deinen Stärken

Ich möchte Dir empfehlen, die Selbstkritik hinter Dir zu lassen. Keine Sorge: es muss jetzt nicht sein, sich innerlich für die Kritik an sich zu geißeln, sich Befehle zu erteilen oder sich auf die Zunge zu beißen. ;-) Mein Vorgehen damals war psychologisch betrachtet nicht die freundlichste Art mit mir umzugehen, auch wenn sie tatsächlich Erfolg brachte. Doch geht es ja gerade darum, freundlicher - lebensbejahender - mit sich umzugehen. Dazu bieten sich folgende Schritte an: 

Erster heilsamer Schritt

Ich beobachte mich selbst. Wenn ich mich dabei ertappe, überzeuge ich mich noch einmal davon, dass diese Art des Selbstumgangs weder für mich noch für Dritte förderlich ist. Denn diese "Marotte" ist für Zuhörer anstrengend. Nicht nur beim sich selbst kritisierenden Menschen geht die Energie runter, auch bei allen Angesprochenen. Das halte ich persönlich für ein ziemlich überzeugendes Argument. Vielleicht magst Du Dir selbst auch die Zeit nehmen und aufschreiben, wann Dich das Bedürfnis der Selbstkritik besonders überkommt. Sind es Präsentationen für den Arbeitgeber, ist es die Schwiegermutter oder sind es sogar Situationen mit Deinem Lebenspartner? Selbstbeoachtung kann schon viel lösen.

Zweiter Schritt

Vielleicht kommt ein Erfolgsjournal für Dich in Betracht - eine Technik, die von vielen Coach empfohlen wird. Mache Dir abends Notizen darüber, was Dir an dem Tag gelungen ist. Ein paar evernote-Notizen auf dem Handy tun es durchaus. Leider bleiben die erfolgreichen Momente weniger intensiv im Gedächtnis als die häufig geübten Gedankenkarusselle, was einem an dem Tag alles nicht gelungen ist. Wenn Du die Aufmerksamkeit zurück zu Deinen Erfolgen lenkst, fühlt sich der Tag gleich besser abgeschlossen an. Dir fallen keine großen Tagesergebnisse ein? Kein Grund zur Selbstkritik ;-). Kleine Erfolge sind völlig ok. Notiere, wenn Du es geschafft hast, trotz Schwerfallen pünktlich aus dem Bett zu kommen, beim Kollegen nicht in die Süßigkeitendose gegriffen zu haben oder endlich die kleine Dreckecke, die Dich schon seit Tagen in der Küche gestört hatte, beseitigt zu haben; einfach alle Minischritte, die Dir an diesem Tag gelungen sind.

Dritter Schritt

Schreibe Dir Deine Stärken auf (auch auch eine klassische Coachingtechnik). Fang locker mit fünf an, dann zehn, dann dreißig. Die Champions schaffen es auf hundert (mit Übung geht das, wirklich, versprochen! Wobei fünf für den Anfang ausreichen.) Jetzt kommt ein wichtiger Schritt: Schaue Dir Deine Erfolgsliste an und überlege genau, welche Deiner Stärken am Erfolg beteiligt war. Nach einer Weile kristallisieren sich vielleicht besonders häufig genannte Stärken heraus. Schreibe Dir diese zwei oder drei Deiner Stärken auf einen Zettel und hänge Deine Stärken an den Kühlschrank oder an sonst einen Ort, an dem Du vorbeikommst und es niemand stört, dass dort geschrieben steht, dass Du eine großartige Person mit Stärken bist! Lies es immer mal wieder. Schenke Dir selbst ein Lächeln. Klar bist Du gut!

→ Also bremse nicht nur Deine übermäßige Kritik in Deinem Kopf, sondern ersetze diese Gedanken durch klar formulierte Stärken. Die Analysen Deiner Erfolge helfen Dir, dass Du Dir selbst auch glaubst.

Vierter Schritt

Schaffe Dir bewusst ein paar ungestörte Minuten für Dich und fühle in Dich hinein, welche Gefühle Du hast, wenn Du Dir Deine Stärken bewusst machst und wie Du diese Stärken in Erfolge umgesetzt hast. Wo genau im Körper fühlt es sich gut an? Welcher Teil in Dir wird leichter? Die vorherigen Schritte waren eher mentale Vorgänge. Nun kommt der Schritt, Positives seelisch zu verankern.

→ Professionelle Hilfe für Deinen inneren Prozess ist nicht notwendig, kann hier jedoch vertiefend und beschleunigend wirken. Lass Dich coachen, besuche eine Aufstellung zu dem Thema, greife das Thema in einer Therapie auf oder wage Dich zu einer Heilsitzung bei einem energetisch arbeitenden Heiler. Ich bin mir sicher, Du wirst die passende Hilfe finden, wenn Du gerade an einem Punkt bist, Unterstützung einholen zu wollen.

Nebenwirkungen von weniger Kritik an Dir selbst???

Mir nicht bekannt, nur für Maniker bzw. in einer manischen Phase, wenn man zu stärkeren manisch-depressiven Schüben neigt, sind die oben beschriebenen Maßnahmen überflüssig. Dann ist die Neigung zur Selbstkritik ohnehin null. Wenn Du zu kritisch zu Dir selbst bist, kannst Du Dir sicher sein, dass Du gerade keine manische Phase hast. Über Kommentare unten, ob Dir hilft, weniger Selbstkritik zu üben und ob es (positive) Nebenwirkungen hat, freue ich mich natürlich sehr.

Und wozu ist der ganze Aufwand gut?

Ziel ist es, liebevoller mit Dir umzugehen, mehr Lebensfreude einzuladen. Die zersetzende Selbstkritik darf sich verabschieden. Je liebevoller Du mit Dir selbst umgehst, desto liebevoller kannst Du für andere, insbesondere Deine Lieblingsmenschen, sorgen. Es ist sozusagen eine win-win-Situation.


Ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel Erfolg...


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