Liebe Deine Grenzen - sie halten Dir den Rücken frei

Bild: Hartmann Linge
Wächst Dir Dein Leben manchmal einfach über den Kopf?

Es gibt viele Ursachen, warum das so ist. In diesem Post will ich einen denkbaren Aspekt aufgreifen: Vielleicht achtest und hegst Du Deine Grenzen nicht ausreichend? Was ich damit meine:

Optimierst Du noch oder lebst Du schon?

Manchmal habe ich den Eindruck, wir optimieren uns rund um die Uhr. Egal, ob es um Themen wie Karriere, Elterndasein, Partnerschaft, Selbstverwirklichung, Gesundheit oder innerer Wachstum geht. Die vielen An-/Aufforderungen im Außen haben wir längst verinnerlicht. Oben drauf vergleichen wir uns ständig mit anderen. Ich schließe mich dabei nicht aus. Gefühlt macht es ununterbrochen Druck, kostet Energie, führt, wenn, nicht gedrosselt, irgendwann in den Burnout.

Kürzlich las ich über eine Studie, dass der westliche Mensch im Vergleich zu den im fernen Osten und Indien sozialisierten Menschen auf Bedürfnisbefriedigung aus ist. Dadurch läuft er ständig mit laufendem Motor, auch wenn er sich gerade im Parkmodus befindet. (Eine Methode, um das herauszufinden, war, Studierenden das Smartphone abzunehmen und sie 15 min in einem nur mit einem Stuhl bestückten Raum warten zu lassen. Die Probanden hatten die Möglichkeit, sich selbst mit Stromschlägen die Zeit zu vertreiben. Die Hälfte der Männer und ein Viertel der Frauen verpassten sich freiwillig selbst Stromschläge. Schön, dass dieses Phänomen jetzt auch wissenschaftlich untersucht ist.)

Der ewig auf Bedürfnisbefriedigung eingestellte, nicht mehr zur Ruhe kommende innere Motor stiehlt uns unsere Energie. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist auch das Abstrampeln im Hamsterrad unbegrenzt.

Das schlechte Gefühl ist garantiert

Wenn etwas nicht wie geplant klappt, unsere Kinder nicht so perfekt umsorgt wie die der anderen Eltern sind, die Karriere nicht durchstartet wie bei unserer Peergroup, der Kollege souveräner bei jeder Präsentation trotz besuchter Rhetorikkurse wirkt oder die Freundin irgendwie immer die besseren Kekse backt, dann kommt die Zermarterungsphase: wie könnte ich mich sofort verbessern, wie erreiche jetzt endlich, dass ich genauso perfekt wie alle anderen bin?

Grenzen hat jeder - sie verursachen meist negative Gedankenschlaufen in uns

Oft fühlt sich eine Grenze, die wir in unserem Leben erreichen, nach Verlust und Niedergeschlagenheit an. Mist, schon wieder hat etwas nicht geklappt, habe ich etwas nicht erreicht, alle anderen sind so viel besser als ich. Ich hatte es doch so gut durchgeplant... Habt Ihr diese oder ähnliche Gedankenschlaufen auch im Kopf? Vielleicht habt Ihr Lust, Eure Erfahrung als Kommentar unten zu posten.

Grenzen bringen Klarheit

Dabei habe ich vor einiger Zeit einen interessanten Effekt bemerkt. Von Style hatte ich früher ungefähr so viel Ahnung wie von der Raumfahrt. Mit 20 ist ja noch ganz cool, in schwarzen oversize Pullis mit Schlabberjeans (heute nennt man das boyfriend Jeans) und Männerstiefeln herumzulaufen, mit 30 wirkt man schon aus der Zeit gefallen, mit 35 wollte ich mich damit nicht mehr vor die Tür trauen. Also bin ich zu Beratungen gerannt, habe neue Kleidung gekauft (Selbstoptimierung pur!!!). Im Wesentlichen stieg der Berg an Kleidung an, vielleicht weil ich zu viel auf die Beratung gehört habe.... Nur: Das Ganze sah nach einem teuren Ausfall aus, mit den entsprechenden negativen Gefühlen.

Als ich vor einigen Jahren mir die Idee aus dem unendlichen world wide web geschnappt habe, an 10 Tagen nur 10 Kleidungsstücke zu tragen (findet man unter dem Stichwort 10x10 challenge), habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt, gut angezogen durch die Welt zu laufen. Ich hatte dazu mir die 10 Kleidungsstücke rausgesucht, die am besten zu einander passten, sodass ich die 10 Tage nicht immer gefühlt das Gleiche anziehen würde. Siehe da, aus einer Modeanalphabetin wurde eine durchschnittlich modisch angezogene Frau, die sich sehr wohl in ihrer Haut fühlte.

Weniger ist also tatsächlich mehr... 

In meinem Kleiderschrank tummelten sich eine Menge neue Stücke, mit denen ich dieses Ergebnis nicht erreicht hätte. Viele sehr erfolgreiche Menschen, wie z.B. Barack Obama, oder der mittlerweile verstorbene Steve Jobs, halsen sich genau null komma null Entscheidungen zu ihrer Garderobe auf. Das gibt es auch in weiblich: Coco Chanel hatte ein paar Kostüme, in denen sie super schick aussah und fertig. Ich glaube, alle erfolgreichen Menschen haben nicht nur die Energie in das gesteckt, was ihnen wirklich am Herzen liegt, sondern auch das begrenzt, was dazu nicht notwendig war. Sie sind keine Superwomen oder Supermen in allen Bereichen. Superman hat bekanntlich auch nur ein Paar Strumpfhosen im Schrank hängen...

Heute sieht mein Kleiderschrank für private Kleidung - kalte Jahreszeit - so aus. Für den Beruf habe ich ungefähr noch einmal die gleiche Menge. Eine überschaubare Kiste habe ich mit den Sommersachen weggepackt. Dazu gibt es ein paar Schubladen für Socken etc. Die Überschaubarkeit in meinem Kleiderschrank ist damit so entlastend, wie ich es mir nicht hätte träumen können. Dazu habe ich entschieden, dass ich nicht wie meine Mutter neben meiner Berufstätigkeit noch Pullis stricken oder sechs Kuchen zu Kindergeburtstagen selbst backen müsste. Und meinen Mann bekomme ich auch noch dazu, dass das gewünschte Hochbett für unseren Wirbelwind gekauft und nicht selbst gebaut sein wird. 😊

Mit gezielter Reduktion holst Du Dir Souveränität ins Leben zurück.

Liebe Deine Grenzen, Deine Fehlbarkeiten.

Grenzen helfen Dir (vielleicht sogar noch mehr, als Deine Stärken). Es gibt keinen Grund zu einem schlechten Gewissen, wenn kein großartiges Essen gekocht wurde, Du nicht wie aus dem Ei gepellt aussiehst, die Wohnung nicht aussieht, als ob Du bei Schöner Wohnen einen Wettbewerb gewinnen willst und die Seminarunterlagen der letzten fünf Seminare werden eben nicht mehr durchgearbeitet (oder welche Projekte bei Dir auch immer seit Monaten, wenn nicht gar Jahren in Deiner Wohnung schlummern), sondern wandern einfach in den Papiermüll. Nicht jedes Familienmitglied muss an Weihnachten besucht und nicht jedes Event in der Kita/Schule mitgenommen werden. Die Präsentationen auf Arbeit können auch mit dem 80/20 Prinzip bearbeitet werden...

Werde zum Besten Deiner Selbst MIT Deinen Grenzen

  • Vielleicht magst Du Dich öfter einmal selbst fragen: "Was genau will ich erstrahlen lassen und in welchem Bereich lasse ich es einfach bleiben, mich einzusetzen?
→ Wenn ich weiß, dass aus mir trotz aller guten Vorsätze etwas nicht wird (vielleicht kann ich kein Instrument spielen, bin ich eben nicht dreisprachig oder halte mich nicht permanent auf dem Laufenden, was in der Zeitung steht), dann lenke ich dort keine Energie mehr hin und damit kein schlechtes Gewissen.

Klar, mir sind Menschen begegnet, die sich in ihren Fehlbarkeiten so gesuhlt haben, dass sie gar nichts mehr gebacken bekamen. Aber darum geht es ja schließlich nicht in diesem Post. Hier geht es um die Erfahrung, dass die vollständige Optimierung eines Lebens so entgrenzen wirkt, dass dem eigenen Motor der Sprit ausgeht. Dadurch entsteht ein ständiges Nichtgenügen und das Gefühl, alles wüchse über den Kopf. Sicherlich ist es wichtig, die eigene Komfortzone hin und wieder zu verlassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Dein Leben zu wenig effektiv ist, wenn Du bei manchem Deine Limits bewusst liebevoll annimmst und sie mit Dankbarkeit pflegst, ist jedoch extrem gering.

Über einen Kommentar, wie es Dir mit Deinen Grenzen geht, freue ich mich und bis bald...



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