Von der Last des Bürgerlichen

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Standesbewusstsein einmal hinter die Kulisse geschaut

Für mich bedeutet ein bürgerliches Leben mittlerweile: aufstehen, nur um Geld für Dinge zu verdienen, die ich zu einem Großteil nicht nutze und die nur eine Kulisse für mein Leben sind, um andere von meinem Erfolg zu überzeugen: klassisches Standesbewusstsein.

Das macht das Leben mühsam, als ob ich mich durch einen dickflüssigen Brei bewege. Ich tue eine Menge Dinge, die - wenn ich wirklich ehrlich zu mir bin - nicht auf meine seelischen Ziele einzahlen. Stattdessen betreibe ich Raubbau an meinem Körper (Burnout wie auch die meisten Volkskrankheiten haben mit ungesunder Lebensführung und nichts mit Schicksal zu tun.) Meine Seele und die Grundbedürfnisse meines Körpers (ausreichend Schlaf, gesundes Essen…) kommen zu kurz. 

Gibt es den Bürger denn noch?

Ich möchte hier keine soziologische Diskussion starten, ob es das Bürgertum überhaupt noch gibt. Geschichtlich ordnet man das Bürgertum als eigenen Stand ein, Marx hat die lieben Bürger als Klasse eingeordnet. In der DDR war es eher ein Unwort. Heute lassen sich wissenschaftliche Diskussionen finden, dass es das Bürgertum nicht mehr gäbe. In dieser strikten Form wie früher gibt es das Bürgertum vermutlich nicht mehr: Viele verschiedene Einkommensschichten treffen sich hier. Jeder darf sich dazu rechnen oder auch wieder austreten.

Was meine ich mit Bürgerlichkeit?

Bei Wikipedia habe ich eine Minidefinition aus preußischen Zeiten gefunden: Bürger war, wer nicht Bauer oder Adel war, dafür in der Stadt lebte und mit den Stadtrechten als Stadtbewohner ausgewiesen war, also schlicht und ergreifend privilegiert war. Manch ein Landbewohner würde vielleicht sogar heute behaupten, dass Städter immer noch Privilegien genießen: Nahversorgung (einschließlich Fachärzte) um die Ecke, akzeptabler Nahverkehr, der nicht bloß drei Mal am Tag mit einem Bus vorbei kommt und wer sich in einer Stadt bei Behörden über Lärm-/Umweltverschmutzungen durch Nachbarn beschwert, hat eine höhere Chance, dass eine halbwegs passende Reaktion eintritt. Insofern, so ganz abwegig ist diese Minidefinition selbst für heutige Verhältnisse wohl nicht.

Und was fällt mir dazu Positives ein?

In der Regel legen bürgerlich orientierte Menschen auf eine gewisse Zurückhaltung im persönlichen Ausdruck in der Öffentlichkeit Wert. Ich lebe in einer Großstadt und kann daher gut darauf verzichten, dass sich andere Menschen in den Öffis persönlich ausbreiten: Los geht es mit stärker riechendem Essen über Parfums aller Art hin zu lauten Telefonaten, die man noch am anderen Ende des Waggons mithören darf. Leute, was haltet ihr von ein bisschen mehr Zurückhaltung, mmh?

Bildung gilt als selbstverständlich. Klar, früher war dieser Punkt eingeschränkter für die kleinbürgerlichen Familien. Hier waren es meist “nur” Handelsschulen und Berufsausbildungen. Das sollte man dennoch nicht unterschätzen. Als ich vor ca. 30 Jahren mit einer türkischen Freundin zu ihrer Familie in den Norden Anatoliens reiste, war ich entsetzt, dass Bildung nur meinte: vier Jahre Schule - mehr nicht. Viele Frauen hatten mit dreißig keine Zähne mehr und waren im Grunde funktionale Analphabetinnen. Und hier? Wer studiert, ohne vorgebildete Eltern zu haben, kommt selbst in Deutschland noch heute regelmäßig unter Erklärungsdruck, wozu denn mehr Bildung bitte gut sein soll.

Bürgerliches Stadtleben hat eine Menge Entwicklung geschichtlich ermöglicht. Errungenschaften wie Menschenrechte, Rechtsstaat und Kunst jenseits der Höfe kosten Geld, was im Bürgertum erzeugt und verwaltet werden konnte. Darauf würde ich im Nachhinein nicht verzichten wollen, nur weil ich viele andere Punkte als Belastung empfinde.

Familiärer Lebensstil: Bürgerlich

Anyways, heutzutage handelt es sich wohl eher um familiäre Lebensstile als um haarscharf abgrenzbare Schichten in der Bevölkerung. Das kann ich ohne weiteres bestätigen. Meine Herkunftsfamilie pflegte einen bestimmten Lebensstil, den ich als bürgerlich bezeichnen würde. Dabei habe ich nicht den Eindruck, der Lebensstil wäre eine Ausnahmeerscheinung.

Was daran so schwer wiegt, damit groß geworden zu sein...

Zu den schönen Hochglanzprivilegien des bürgerlichen Lebens gibt es noch viel schönere Schattenseiten. Was nämlich dazu gehört, ist, dass die Zurückhaltung sich so weit übersteigern kann, dass selbst in den eigenen vier Wänden Gefühle als überflüssig gelten. Manchmal hat man fast den Eindruck, man sollte erst in den Keller gehen, bevor man mal laut loslacht - so etwas gehört sich nämlich nicht. Doch Gefühle gehören zur eigenen Lebensqualität dazu. Natürlich nicht in übersteigerter Form (ja, ja, da hat sie mich wieder, meine Vergangenheit als Freud’scher Versprecher: ab wann ist ein Gefühlsausdruck übersteigert und wo ist er noch normale Lebensäußerung?) und ebenso wenig in nur einem Gefühl festhängend. Gesunde Schwingungsfähigkeit nennen die Psychologen diese Fähigkeit: jeden Tag seine Gefühle wahrnehmen, ihnen angemessen Ausdruck verleihen und wieder loslassen, sodass für eine andere Situation ein anderes Gefühl Platz hat.

Klassische Werte in bürgerlich lebenden Familien sind häufig Leistung, Fleiß und Sparsamkeit. Wenn diese Werte zu den wichtigsten zählen, kommen früher oder später Authentizität, Lebensfreude und Herzlichkeit im Leben richtig zu kurz. Als hochsensibler Mensch kommt man in dieserLebensführung schon gar nicht vor. Mehr Rückzugsraum als andere brauchen? Wer rastet, der rostet… Besitz, um die eigene Kultiviertheit auszudrücken, ist immens wichtig. Dazu gehört dann die ständige Besitzstandswahrung. Den Feuilleton der Süddeutschen hat man gelesen; mittlerweile gehört bestimmt auch spiegel online dazu. Versuch mal, immer up-to-date bei diesen Themen zu sein, obwohl sie Deine Seele von vorne bis hinten nicht interessieren. Die Schwere ist vorprogrammiert.

Standesbewusstes Leben

Natürlich hat jede Familie so ihre eigenen Vorstellungen. Es gibt nicht den einen bürgerlichen Anzug, die eine bürgerliche Wohnung, das eine bürgerliche Essen, den einen bürgerlichen Urlaub, etc. Was bürgerliche orientierte Familie hingegen gemeinsam haben ist der gemeinsame, strikte Familienstil, der klare Vorgaben macht, wie die Lebensführung auszusehen hat. Mir wurde als Kind vorgelebt, dass die Einrichtung gediegen ist, es große Bücherwände gibt, ein Studium eine Selbstverständlichkeit ist, eine Altbauwohnung mit hohen Wänden und Stuck an der Decke bewohnt wird, dass man selbst hochwertig zu kochen hat, mindestens zehn verschiedene Bettwäschesets im Schrank und drei verschiedene Geschirrsets und gaaaanz wichtig, Rotwein nie in Weißweingläser zu servieren hat. ;-) Versuch mal bei klaren Familienvorgaben, wie Weihnachten zu feiern ist, vorzuschlagen, das Weihnachtsfest abzuändern. Dann weiß Du, was ich meine.

Der Kleiderschrank meiner Mutter umfasste die Größe einer begehbaren Kammer. Mein Vater besaß für sich persönlich nicht annähernd so viel, würde aber auch nie ohne Hemd aus dem Haus gehen und an Orte ohne gute Weißweinversorgung nicht in den Urlaub fahren. Auch er hatte also klare Vorstellungen davon, was geht und was nicht. Mein Bruder hat mit seinen Weltreisen regelmäßig unterschwellige Panik ausgelöst, ob der Junge wohlbehalten heimkehren würde. Die westliche, näher gelegen Urlaubswelt wäre meinen Eltern lieber gewesen, wobei - mit Ballermann als Urlaubsziel hätte er da auch angeeckt.

Vorstellungen, wie Essen, Kleidung, Urlaub, Freizeit, Beruf, Auto auszusehen haben, sind ziemlich tief eingeprägt und - das gehört zum standesbewussten Leben dazu - auf Besitzmehrung/-wahrung und Macht ausgelegt. Dazu muss man nicht Vorstandsvorsitzender von Siemens sein, um das zu wollen. (Kann sich noch jemand an die Possen Eulenspiegels aus seiner Kindheit erinnern, der z.B. als Gehilfe Handwerksmeister vorführte, um ihnen ihre eigenen unempatischen Machtansprüche unter die Nase zu reiben? Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre!)

Was kann ich zu meiner Entlastung tun?

Manche müssen dann in die Welt ziehen ohne Hab und Gut an der Backe. Das finde ich super, nur mit Kind und Mann und Job für mich gerade schwierig… Es sieht auch ein bisschen nach Flucht aus. Zwar konnte ich mich während des Studiums eine Weile körperlich befreien. Ich habe z.B. als Studi ein Jahr auf 11qm mit Außenklo im 7. Stock ohne Fahrstuhl in einem nicht bürgerlichen Viertel in Paris ohne Kontakt zu den Eltern gelebt, und es hat mich fünfzehn Jahre später dennoch eingeholt. Die seelische Befreiung ist mit “Ich-bin-dann-mal-weg!” nicht garantiert.

Daher habe ich konsequent angefangen, mir bewusst zu machen, wie tief mein ganzes Leben von all dem geprägt wurde, was meine Herkunftsfamilie vorgegeben hat.
  • Jetzt probiere ich einfach anderes aus, nach und nach, was meine Eltern niemals getan hätten. Ich habe mit kleinen Dingen angefangen und z.B. schon vor vielen Jahren Weingläser abgeschafft und siehe da, ich brauche für mein Wohlbefinden keine Weingläser. Noch habe ich mich nicht getraut, doch auf meiner Liste, was ich in diesem Leben noch tun will, steht, den Appalachian Trail entlanglaufen. Was würde Deine Familie missbilligen, was nicht illegal wäre und mal einen Versuch wert?
  • Ich heiße Gefühle willkommen. Jeden Tag etwas bewusst fühlen, wo am Körper macht sich das Gefühl besonders bemerkbar? Das faszinierende an Gefühlen: je mehr sie wahrgenommen werden, je weniger sie im Untergrund vor sich hin rumoren, desto weniger stören sie. Meist sind unsere Unterdrückungs- und Ausweichmechanismen viel, viel, viel anstrengender als das Ursprungsgefühl einmal war. Es ist völlig ok, Angst zu haben, wütend zu sein oder mit Lebensfreude auf Mäuerchen herumzubalancieren. Das dürfen nicht nur unsere Kinder! Erwachsen sein heißt nur, dass ich weiß, wann es ok ist und wo es nicht so gut ist, wie z.B. ein Wutanfall mitten auf Straße kommt nicht so gut.
  • Wenn Besitzstandswahrung zum bürgerlichen Leben gehört, ist eine starke Reduktion des eigenen Hab und Gut eine ganz andere Ausrichtung. Minimimalismus hat sich als neue Lebensausrichtung eingeschlichen. Das kann enorm helfen. Auch ich will alles ausmisten, was ich im letzten Jahr nicht in der Hand hatte. Ich lebe in einer Großstadt, wozu Auto? Nun habe ich den täglichen Kampf ums Parken anderen überlassen. Wer ehrlich zu sich ist und in die Kostenliste des ADAC schaut, dann rechnet er einem vor: schon ein Kleinstwagen frisst durchschnittlich 350,-/€ Monat. Interessanterweise rechnen sich die viele Menschen mit bürgerlichen Standards im Alltag ihre Ausgaben schön.
  • Und damit komme ich zum letzten Punkt: Eine ernstzunehmende Ausgabenliste zu führen, kann ungemein helfen, einem vor Augen zu führen, wofür alles Geld drauf geht. Geld ist die Haupttriebfeder, weswegen man den ganzen Zirkus veranstaltet, mein Haus, mein Auto, mein Wochenendgrundstück, mein Urlaub, mein Pferd, mein … Wer weniger Geld hat, bei dem sind es vielleicht Flachbildschirm, Kleidung, IPhone etc. Stattdessen eigene Prioritäten setzen, die nur der eigenen Seele, den eigenen Zielen entsprechen und nur noch dafür Geld verwenden.
Bringe ich nach und nach mehr Achtsamkeit in alle Lebensbereiche mit dem Augenmerk: Was tut mir wirklich gut? Womit diene ich meinen Idealen?, dann kann ich die Schwere aus den bürgerlichen Standards nach und nach durch meine eigene Leichtigkeit ersetzen. Dann holen sie mich nicht mehr nach 10 oder 15 Jahren wieder ein! 👌

Bis bald …

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