Wie ich mit meiner Gitarre zum Klavierunterricht ging - wie unser Hab und Gut zu einem Burnout beitragen kann

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Die Geschichte mit dem Klavier - oder besser gesagt eine Geschichte vom rechtzeitigen Ausmisten


Früher stand bei meinem Vater im Zimmer ein Klavier und weil es so praktisch war, dass das schon da war, habe ich also auch gleich als Kind Klavier gelernt. (Naja, also so etwas besser darauf herumgeklimpert.) Im Studium habe ich das Klavier von meinem Vater bekommen. Also beschloss ich, wieder Unterricht zu nehmen. Es half mir tatsächlich durch die dunkelsten Zeiten meines Studiums. Ich habe viel und lange zu Hause gelernt. Mit Übungseinheiten konnte ich den Tag besser strukturieren. Mein Hirn nahm mit Klavierpausen mehr Informationen auf also ohne. Wir hatten sozusagen eine friedliche Koexistenz. Doch wenn ich ehrlich bin, ich bin ca. alle zwei Jahre umgezogen. Mit Klavier war das teuer und umständlich. Für eine Studentin hätte es wirklich bessere Alternativen gegeben.


Das traurige Ende meiner Klavier-Ära


Mit Beginn der Arbeitszeit hatte ich tagsüber keine Zeitfenster mehr zum Spielen. Abends war ich erst zu platt nach der Arbeit, dann fanden die Nachbarn das auch nicht der Hit, wenn ich erst um 21.30 Uhr spielte. Also kaufte ich mir ein etwas höherwertiges E-Piano mit Kopfhörern und verkaufte endlich das Klavier. Ganz schön teure Lösung für eine Berufsanfängerin - und was passierte!?! Ich schaute das E-Piano an, das E-Piano schaute mich an, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich von selbst gesammelten frischen Waldpilzen auf Dosenpilze umgestiegen. Das Piano stand viele Jahre herum und alle, die zu mir kamen, sagten, ah und oh, spielst Du Klavier? Ähm, naja, eigentlich, mmh, wohl nicht mehr so wirklich. Es zu verkaufen ging auch nicht, was hätte da Passendes an die Wand hinsollen...


Statussymbole wiedersetzen sich oft dem Entrümpeln


Komisch... Dabei bin ich eigentlich die erste, die etwas aus der Wohnung trägt, was da nicht mehr hinpasst. Damit wurde mir vor ein paar Jahren klar, es war ein Statussymbol für mich, und zwar eins, dass prima den Werten meiner Eltern entsprach und beim Suchen nach meinen Werten, fiel ich dann auch über die Glaubenssätze, die an diesem Klavier festhielten. Statussymbole, vor allem, wenn sie einem Leben entsprechen, das man vorgelebt bekommen hat, und welches man wie selbstverständlich für sich auch in Anspruch nimmt, sind anscheinend besonders widerborstig beim Ausmisten.

Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, ich könnte mein Klavier einfach verkaufen (und auch nicht etwas vielleicht annähernd ähnliches hinzustellen, also nicht gleich durch ein E-Piano auszutauschen). Ich besaß auch das klassische, wandfüllende Bücherregal und ein ordentliches großes Sofa. Und was noch so alles dazu gehörte, wie etwa passendes Geschirr. Als Studentin hatte ich all diese schicken Dinge nicht. Damals herrschte irgendwie viel seltener Leere auf meinem Konto als nach dem Berufseinstieg, obwohl ich nur ein Drittel so viel Geld hatte. Dazu kommt: ich war und bin mit meinem klassischen Bürojob viel seltener Zuhause - nutze die Dinge also sogar noch viel weniger als zu meinem - zugegebenermaßen ziemlich langweiligen Juralernstudiumzeiten. Da habe ich viel zu Hause gelernt, hatte sozusagen neudeutsch mein Homeoffice. Klingt gleich viel spannender. Das wilde Studentenleben war nämlich ein wenig an mir vorbei gezogen.


Alles, was rumsteht, schwächt Dich, alles, was Du nutzt, stärkt Dich


Nun möchte ich niemandem ein Klavier oder sonstige Statussymbole aller Art ausreden. Wir definieren uns in unserer Gesellschaft so sehr darüber, dass es sehr enterdend wäre, wenn wir alle auf einmal vor die Tür setzten und dann vermutlich nicht mehr so recht wüssten, wer wir eigentlich sind. Ein paar solcher Exzesse hatte ich selbst ausprobiert, z.B. alles vor die Tür stellen, was ich von meiner Mutter bekommen hatte. Kann ich nicht wirklich als Radikalkur empfehlen. Wochenlang hatte ich kaum noch Bezug zur Wirklichkeit und wusste nicht so recht, wer ich eigentlich bin. (Ein gemütliches Aussortieren ist sinnvoller, hat mir mein Mann schon öfter bei einer meiner Hauruckaktionen gesagt, ja, ja, ich mag Leute, die recht haben, ja, die ganz besonders.)

Ich habe selbst unsere digitalen Nomaden, die von sich behaupten, sie hätten wirklich alles Überflüssige aussortiert, in Verdacht, dass der ein oder andere besessene Gegenstand eben doch zugleich Statussymbol ist. Statussymbol kann so ziemlich alles, was nicht bloß reiner Nutzgegenstand ist, sein. Positiv würde ich es dann werten, wenn die Statussymbole gerade mehr Freude bringen und genutzt werden, als dass sie herumstehen: Für den Yogi die perfekte Yogamatte und die dazugehörende Kleidung. Die Skaterschuhe für den Skater, das Goldkettchen für ..., der SUV für die moderne Familie... (ok, letzteres halte ich in einer Großstadt für eine Pest! Scheint aber immer mehr Menschen wichtig zu sein, mit einem Quasi-Panzer durch enge Straßen zu rollen.)


Ein zu Viel an Gegenständen laugt uns aus


Die meisten von uns haben allerdings Unmengen an Statussymbolen herumstehen, von denen wir nur glauben, dass wir sie brauchen, jedoch bloße Kulisse für unser Leben sind. Letztens war ich bei einer Familie mit zwei Kindern kurz zu Gast und habe die deckenhohen Bücherregale bewundert. Es wirkte schon deswegen nicht mehr so richtig echt, weil es sich um ein kleines Häuschen handelt und nicht um eine Altbauvilla mit hohen Wänden; ehrwürdige Holzregale waren längst durch weiße Ikea-Regale ersetzt worden. Alte Holzregale hätten das Zimmer endgültig erschlagen, was dem Besitzer auch völlig klar war. Auch so sah es etwas aus der Zeit gefallen aus. Verstaubt und unordentlich. Die "Bücher-Tapete" hatte nichts mit dem aktuellen Leben mit Kindern zu tun, es war kein Bezug mehr zu spüren. So wie mein E-Piano, das eigentlich vor allem ein Staubfänger war und auf dem ständig Krempel abgelegt wurde. Optische Reizüberflutung nenne ich das mal. Ich persönlich könnte in einem solchen Wohnzimmer nicht (mehr) auftanken, einfach weil zu viel Ungenutztes im Raum steht. Das hätte ich früher nicht so deutlich für mich feststellen können.


Vor allem bei Hochsensibilität können große Mengen an Eigentum belastend sein


Ich vermute, dass bei allen Menschen ein Mehr an Hab und Gut, als sie sinnvoll nutzen können, zu einer unterschwelligen Dauerreizung führt. Ich kann allerdings aus eigener Erfahrung sagen: wer hochsensibel ist, hat gute Aussichten darauf, schneller auf optischen Lärm zu reagieren. Zumindest tut dies mein Mann seit Jahren, und langsam merke ich auch den Unterschied, ob wenig oder viel herumsteht, und ob das, was herumsteht, in Nutzung ist. Ich war nie die Ordentliche und wollte es ihm nicht so recht glauben, dass er physisch litt, wenn die Küche unaufgeräumt war und der Flur gleich beim Reinkommen erstmal "Krempel" schrie.
 
Leider gehören zur Kategorie ungenutzter Statussymbole oft auch lange nicht mehr angesehene Familienbilder oder die geliebten - aber ungelesenen - Bücherregale, wobei einem ja auch niemand vorschreibt, dort Statussymbole abzubauen, wo es am meisten wehtut. Man kann sich ja auch eine einfachere Ecke aussuchen.


Burnout-Prophylaxe mit weniger Gegenständen

Ich habe festgestellt, dass ich den Raum um mich herum und die Dinge, die ich besitze, mit meiner Energie halten muss. Wahrscheinlich ist das jetzt keine spirituelle Neueingebung. Darauf sind bestimmt schon viele Leute vor mir gekommen (zu meinen Studentenzeiten war das Buch "Simplyfy your life" total in und darin wurde schon massiv das Abbauen eines Mehr und noch Mehr an Gegenständen empfohlen. Das ist jetzt 20 Jahre her). Dazu gehören alle Dinge, von denen man das Gefühl hat, sie gehören einem, völlig unabhängig davon, ob man sie gerade sieht oder überhaupt gerade darauf Zugriff hat. (Beruflich bearbeite ich Beschwerden, auch über abhandengekommene Gegenstände. Manche Menschen können sich emotional über Jahrzehnte an Dinge heften, die schon ihre Eltern verloren haben.) Es sind sozusagen Dauerreize im Unterbewusstsein, wenn der Keller vollgestapelt und die Wohnung mit Gegenständen bestückt ist, seien sie auch noch so schick und wertvoll. Wenn der Energiespeicher schon fast vollständig von Beruf, Partner und Kind(ern) genutzt wird, bleibt zunehmend weniger Energie, nutzlose Dinge aufzuhäufeln. Dazu gehörte leider auch mein geliebtes Klavier. Es gehörte sozusagen in eine andere Zeit in meinem Leben - eine andere Ära eben.

Daher haben Minimalismus und Hochsensibilität an dieser Stelle mal gemeinsame Ziele. Denn wenn ich im Wesentlichen nur Dinge besitze, die ich nutze und die zu meinem Leben gerade gut passen, dann ist sozusagen das selbsterklärte Ziel vieler Minimalisten: a meaningful life - und notwendige Gegebenheit für Hochsensible, zu Hause sich vor zu großer Reizüberflutung zu schützen, mit einer Klappe erschlagen. 


Und was hat das jetzt mit meiner Gitarre zu tun?

Also mit dem Ende der Ära Klavier schenkte mir mein Mann eine Gitarre. Das war super. Ich hätte mir vermutlich keine gekauft, sondern eher dem Klavier mit traurigen Dackelaugen hinterhergesehen, obwohl ich es doch gar nicht mehr benutzte. Mit der Gitarre ging ich dann zum Klavierunterricht - huch. Natürlich zum Gitarrenunterricht. Und ich spielte total gerne Klavier - oh, natürlich Gitarre. Mit viel weniger Übungsaufswand kann ich viel mehr erreichen. Die Gitarre lege ich einfach auf den Schrank. Kein Geschleppe für mindestens zwei ausgewachsene, sehr erprobte Umzugsfachleute. Denn so ein Klavier kann man nicht ernsthaft von Freunden tragen lassen.

Selbst ein E-Piano ist immer noch so schwer wie eine durchschnittliche Waschmaschine. Jetzt muss ich nur noch das Klavier aus meinem Unterbewusstsein reinigen. Ich vermute, dass es da nicht so einfach seinen Platz räumen will. Mein Mann hat mich schon gefragt, ob ich nur Spaß mache. Na, so einfach lassen sich fast 40 Jahre Prägung halt nicht hinter sich lassen. ;-) Da kann eine Aufstellung zum Thema alter Glaubenssätze, die sich an diesem Klavier manifestieren, Wunder wirken. Das würde ich jedenfalls empfehlen, wenn man so etwas wie ein Klavier einfach nicht loslassen kann oder dem entrümpelten Gegenstand noch lange nachhängt, es fast schon bereut, dass man ihn aufgegeben hat.


Zwischenstationen beim Ablegen von Statussymbolen sind sicherlich völlig ok
 
Solange man das nicht bewusst und gezielt mit Menschen macht - für eine auseinandergegangene Beziehung gleich einen Platzhalter zu suchen, bis man den Verlust überwunden hat -, solange ist es durchaus eine akzeptable Strategie: Groß Umzug e oder mehrere Gegenstand erst einmal durch einen besser ausgesuchten kleineren (komprimierteren) zu ersetzen, wenn einem das Loslassen schwer fällt und man nicht gleich sich der völligen Leere an dem freigeräumten Platz stellen will. Zusammengefasst: außen wie innen. Wenn ich im Außen groß ausmiste, muss das Unterbewusste, das Innere mitkommen. Wenn es zu viel auf einmal ist, kann das ganz schön psychisch destabilisieren.

Eine gut sortierte Wohnung ist im Grunde auch eine ganz gute Burnoutprophylaxenstrategie (jaja, prima Wort fürs Hängemännchenspiel). Wer gerade so richtig im Energietief hängt, wird kaum die Energie haben, die eigene Wohnung zu entmisten, schon gar nicht ein "Klavier" durch eine "Gitarre" zu ersetzen, oder was auch immer man an inneren und äußeren Gerümpel von Umzug zu Umzug mit sich schleppt. Das meine ich mit Prophylaxe. Denn die aufgestaute psychische Energie in diesen Gegenständen lässt sich nur mit neuer Energie auflösen. Also Energie gut nutzen, wenn man gerade in Aufräumlaune ist.



 Bis bald...
😎




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